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Der Leser interviewt Rainer Erlinger

Der Leser: Guten Tag.

Rainer Erlinger: Guten Tag.

DL: Herr Erlinger, was mich am meisten interessiert: Die Fragen in Ihrer Kolumne sind doch erfunden?

RE: Komisch, Sie sagen genau das, was ich sehr häufig als erstes höre, wenn jemand erfährt, dass ich die Gewissensfragen im SZ-Magazin beantworte.

DL: Wundert Sie das? Ich bin doch schließlich nur ein virtueller typischer Leser, der typische Fragen stellt.

RE: Oh, das habe ich ganz vergessen, aber die Antwort auf diese Frage ist einfach: Nein! Die Leserfragen sind echt. Alle. Ausnahmslos.

DL: Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?

RE: Nun ja, für die ersten beiden Hefte mussten wir natürlich im Umkreis der Redaktion herumfragen, um entsprechende Fragen zu erhalten.

DL: Also doch!

RE: Aber bereits auf die erste Kolumne kamen so viele Fragen, dass wir das nicht mehr machen mussten. Außerdem kann ich es beweisen, ich kann für jede veröffentlichte Frage die entsprechende Email oder den entsprechenden Brief vorweisen. Bitte sehr.

DL (blättert einen Ordner durch): Hmmm.

RE: Außerdem habe ich noch ein weiteres Argument: Die meisten der Fragen würden mir beim besten Willen nicht einfallen. Auf die Idee eigene Kerzen in eine Kirche mitzubringen oder mein Surfbrett zu entsorgen, indem ich es am Strand klauen lasse, käme ich einfach nicht. Ganz zu schweigen von Begebenheiten wie einen verurteilten Mörder aus einem sudanesischen Gefängnis frei zu kaufen.

DL: Gut, das überzeugt und Sie sehen ja eigentlich ganz ehrlich aus.

RE: Danke!

DL: Aber meine Fragen, die ich jetzt stelle, erfinden Sie?

RE: Auch nicht richtig. Zum Teil sind es Leserzuschriften, die ich bekommen habe und denen ich auch das geantwortet habe, was ich jetzt sagen - Sie könnten es in dem anderen Ordner nachlesen. Zum Teil sind es Fragen, die mir in anderen Interviews in den letzten Jahren, seit die Kolumne besteht, gestellt wurden. Und nur zum kleinsten Teil sind es Fragen, die zu Antworten führen, die ich immer schon geben wollte, aber bisher hat noch niemand gefragt. Und bei den wirklichen wöchentlichen Anfragen kann ich das ja nicht sagen, da bleibe ich streng dem Prinzip verpflichtet, dass nur echte Fragen erscheinen und auch in der Form, in der sie gestellt wurden - bis auf Kürzungen, die aber den Sinn und damit den Inhalt der Antwort nicht beeinflussen dürfen.

DL: Bekommen Sie denn viele Zuschriften?

RE: Fast unverändert seit bestehen der Kolumne zwischen 50 und 100 pro Monat, zwar von Monat zu Monat schwankend, aber mit leicht steigender Tendenz.

DL: Und was ist mit den Fragen, die nicht veröffentlicht werden?

RE: Die können wir leider nicht alle einzeln beantworten, der Aufwand wäre immens. Meist handelt es sich ja um Fragen, über die der Einsender selbst schon länger nachdenkt, da kann man keine Antwort aus dem Ärmel schütteln. Teilweise muss man recherchieren, bei Behörden oder Experten nachfragen. Und lange nachdenken. Ich bin ja auch nicht klüger als andere, ich denk nur länger nach. Und mit einer eben kurz hingeworfenen Antwort wäre niemandem gedient.

DL: Woher nehmen Sie eigentlich das Recht, anderen zu sagen, was sie tun sollen?

RE: Da kann ich jetzt formal argumentieren und sagen: Aus der Frage. Bei Pipi Langstrumpf habe ich den Satz gelesen: „Na ja, eine höfliche Frage verlangt eine höfliche Antwort.“ Wenn mir jemand eine Frage schickt, dann hat er mir das Recht gegeben, darauf zu antworten.

DL: Das ist aber wirklich sehr formal. Ich meinte eigentlich mehr: Woher nehmen speziell SIE das Recht?

RE: Da könnte ich wieder genauso antworten, denn die Briefe sind ja an mich gerichtet, aber es gibt einen anderen, wesentlich überzeugenderen Grund.

DL: Und der wäre?

RE: Ich weiß nicht, ob Ihnen schon einmal aufgefallen ist, dass ich jede Antwort begründe und dort, wo ich es ausnahmsweise einmal nicht tue, das auch als meine persönliche Meinung kennzeichne.

DL: Eigentlich noch nicht.

RE: Dachte ich mir, das ist halt der Leser. Ich bin der Meinung, dass jede Antwort ihre Legitimation aus sich selbst heraus beziehen muss. Ich habe ja sonst keine Autorität außer der sachlichen. Die Antworten, jede einzelne Antwort muss nachvollziehbar und sauber begründet sein. Wenn die Leser...

DL: Also ich.

RE: Ja, genau, wenn Sie meine Antwort lesen und sich denken, was ist denn das für ein abgehobener Unsinn oder das leuchtet mir nicht ein, dann ist die Autorität der Kolumne am Ende. Sie, der Leser, haben also das Letztentscheidungsrecht.

DL: Haben Sie denn keine Ausbildung, die Sie dazu berechtigt oder wenigstens befähigt?

RE: Ja und Nein. Ich wüsste keine Ausbildung, die einen dazu berechtigt, anderen zu sagen, was sie richtig und was falsch machen. Und befähigt: Ich bin weder Theologe noch Philosoph, falls Sie das meinen, sondern Mediziner und Jurist.

DL: Und das befähigt zu moralischen Ratschlägen?

RE: Wie gesagt, die Antwort muss meines Erachtens aus sich selbst heraus bestehen können. Aber unabhängig davon sind sowohl der des Mediziners als auch des Juristen Berufe, die man nicht ohne Auseinandersetzung mit den entsprechenden ethischen Fragestellungen betreiben kann. Oder sagen wir mal: sollte. Und gerade der Schnittpunkt aus den beiden, das Medizinrecht mit seinen Fragestellungen um Lebensbeginn, Lebensende und so weiter ist so sehr von der Ethik geprägt, dass eine intensiven Beschäftigung mit diesem Thema unumgänglich ist.

DL: Aber wie sind Sie dann als Mediziner und Jurist zum Moralkolumnisten geworden?

RE: Ich habe schon längere Zeit vor allem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung geschrieben, eben auch zu ethischen und philosophischen Themen und als dann die beiden damaligen Chefredakteure des SZ-Magazins, Dominik Wichmann und Jan Weiler die Kolumne konzipierten, sind sie an mich herangetreten, ob wir es nicht miteinander versuchen sollten. So ist das entstanden.

DL: Bei manchen Fragen denke ich mir: Die Sorgen möchte ich haben. Es geht oft um winzige Banalitäten, dabei gäbe es doch genug wirkliche moralische Probleme hier und sonst auf der Welt. Und Sie schreiben darüber ob man vom Frühstücksbuffet im Hotel Stullen für unterwegs schmieren darf oder ob es vertretbar ist, ein wenig zu schwindeln, um einen Spaziergang abzusagen?

RE: Das liegt am Konzept der Kolumne. Sie finden, fast möchte ich sagen jeden Tag in den großen Zeitungen und Magazinen hochintelligente in die Tiefe und Breite gehende Betrachtungen und Diskussionen über die von Ihnen angesprochenen großen moralischen Probleme. Es ist wichtig, dass es diese Diskussionen in der Öffentlichkeit gibt und es soll sich keiner raushalten, nach dem Motto: „Das geht mich nichts an, da habe ich eh nichts zu sagen.“ Aber daneben stehen wir eben im Alltag vor den kleinen moralischen Fragen und es wäre ebenso falsch da zu sagen, solange es so Ungerechtigkeiten wie verhungernde Kinder auf der Welt gibt, braucht man sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob man bei Rot über eine Ampel gehen darf. Jeder ist für das, was er macht verantwortlich. Die wenigsten von uns werden je vor dem Problem stehen, einen Menschen klonen zu wollen. Wer von uns plant, eine Fabrik zu schließen, wer zögert, ob er morgen bei Sonnenaufgang den Befehl zum Angriff auf einen zufällig ölreichen Schurkenstaat geben soll? Das sind Fragen, die wir politisch über Wahlen oder sonstiges Engagement beeinflussen können und auch sollen. Aber es entbindet niemanden von der Frage, ob er seinen Arbeitskollegen anlügen darf.

DL: Haben denn Ihre Leser wirklich nie ernsthafte Probleme?

RE: Doch natürlich, die kommen aber auch im Heft vor. Ich habe schon Fragen beantwortet, wie die, ob man zur Organspende verpflichtet sein kann, ob ein adoptiertes Kind ein Recht darauf hat, das auch zu erfahren oder wie man mit einem Alzheimerkranken Großvater umgehen soll. Das ist teilweise in den wenigen Zeilen schwer möglich, aber soweit es geht, versuche ich es.

DL: Halten Sie sich eigentlich selbst an Ihre Maßstäbe? Anders gefragt: Lebt ein Moralkolumnist selbst moralisch?

RE: Natürlich versuche ich es. Und die intensive Beschäftigung mit diesem Thema, also gerade mit der Alltagsmoral über viele Jahre hinweg hat mich auch verändert.

DL: Sind Sie moralischer geworden?

RE: Das vielleicht nicht, aber wenn man über einer Frage einmal einen Tag lang gesessen hat und darüber nachgedacht hat, dann fällt es einem schwerer anders zu handeln oder umgekehrt, man muss sich, wenn man dann selbst in die Situation kommt, das nicht mehr lange überlegen.

DL: Dann handeln Sie also immer richtig?

RE: Das bestimmt nicht, ich bin ja kein Heiliger.

DL: Sehen Sie da dann kein Problem: Wasser predigen und Wein trinken?

RE: Natürlich ist das ein Problem. Das was ich dazu sagen möchte ist aber auch gefährlich, weil es dann heißt, jetzt dreht er durch der Erlinger. Aber vom Inhalt her stimmt es: Sogar der Papst hat einen Beichtvater. Ich will mich wirklich nicht mit dem Papst vergleichen – über die Frage, wie moralisch der Papst und die katholische Kirche sind, müsste man getrennt diskutieren – und mir ist auch nicht die Schlagzeile „Wir sind Papst“ zu Kopf gestiegen. Ich will nur sagen, wenn sogar im System der katholischen Kirche jemand wie der Papst zu beichten hat, also sündigt, wäre es umgekehrt vermessen zu behaupten, ich mache alles richtig.

DL: Ganz konkret: Sie kommen spät nachts zu Fuß allein auf weiter Flur an eine rote Ampel. Was machen Sie?

RE: Ich hoffe, dass mich niemand sieht.

DL: Ah ja!

RE: Das ist schwieriger als Sie jetzt vielleicht denken. Weil, wenn ich losgehe, sagt der, der mich sieht: „Siehst Du, er schreibt, man soll es nicht tun und tut es selber.“ Und wenn ich stehen bleibe und warte sagt er: „Der spinnt, er stellt sich nur aus Prinzipientreue hin und wartet.“

DL: Ja was soll man denn in so einem Fall dann tun?

RE: Das finden Sie auf Seite 191 des Buches "Gewissensfragen"

DL: Finde ich eigentlich alle bisher erschienenen Texte in den drei Büchern?

RE: Nein, leider nicht, es gibt schon so viele, dass wir sie nicht mehr unterbringen konnten. Sie wollen schließlich kein lexikondickes Buch in der Hand halten. Wir mussten eine Auswahl zusammenstellen. Aber das bedeutet nicht, dass die anderen Texte nie mehr zu lesen sein werden. Die Kolumne geht weiter und wohl auch die Reihe der Kolumnensammlungen. Über beides entscheiden wie immer Sie.

DL: Vielen Dank für dieses Gespräch.

RE: Gern geschehen. Es war mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen.